Maurice Mentjens

Fotografie: A. Schmitz

Labyrinth der Gedankenwindungen

Das Zentrum von Eindhoven ist um eine aufsehenerregende Ladeneinrichtung reicher: Am 29. September öffnete das House of Smart seine Pforten, direkt gegenüber dem Witte-Dame-Komplex. Das Einrichtungskonzept stammt von Maurice Mentjens, der bereits mehrere besondere Smartshops entwarf.

Die gehirnähnlichen Strukturen der Verkleidung sind an der Verwobenheit neurologischer Netzwerke inspiriert.

„Ein Smartshop ist ein Laden wie jeder andere im Genussmittelsegment“, betont der frischgebackene Inhaber des House of Smart. „Darum herrscht hier auch keine Geheimniskrämerei, sondern Offenheit.“ Dieser Ansatz ist im architektonischen Entwurf durch große Schaufenster umgesetzt, die den Passanten einen großzügigen Blick auf die „Gedankenwindungen“ dieses House of Smart gestatten, welche zugleich als Regale für Produktproben dienen. Der gesamte Laden, einschließlich der Decke, ist von einem Wirrwarr aus Holzstrukturen durchzogen. Im Zusammenspiel mit den nüchternen Grautönen entsteht das Bild der Hirnrinde, des Cortex cerebri, in der alle Informationen verarbeitet werden.

Abstraktion des Gehirns

Wie immer schöpft Raumdesigner Maurice Mentjens seine Inspiration aus dem lokalen Kontext, dem „Genius loci“, in diesem Fall die DNA der Stadt Eindhoven als technologisches Zentrum der Niederlande. „2011 wurde die Region Eindhoven vom Intelligent Community Forum (ICF) zu ‘the world’s smartest region’ ausgerufen, was u. a. Initiativen wie ‘Brainport Regio Eindhoven’ zu verdanken ist. Darum erschien es mir interessant, gerade hier das Gehirn mit all seinen verzweigten Nervenbahnen auf abstrakte Weise darzustellen, wie ein Irrgarten oder Labyrinth. Man kann diese Verzweigungen aber auch interpretieren als Verdrahtung komplexer Leiterplatten oder Computerchips, als Symbol rationalen Denkens und künstlicher Intelligenz.“

Ratio, Intuition und Illusion

Doch damit nicht genug: Die Entwürfe von Mentjens zeichnen sich auch immer durch ihre Vielschichtigkeit aus. Hinter dem ersten, oberflächlichen Eindruck tauchen häufig spirituelle Assoziationen auf, die einen tieferen Einblick in das Entwurfskonzept gewähren. Hier ist es der Widerspruch zwischen dem rationalen Denken und der psychedelischen Wirkung bewusstseinserweiternder Mittel.

Mentjens: „Menschen, die offen dafür sind, erleben, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gibt als die konditionierten Denkbilder unserer Kultur. Die Kreativität ist nun einmal chaotisch und verläuft nicht nach linearen Denkmustern. Ein offener Geist ist der Schlüssel zu neuen Ideen und Innovationen. Begriffsrelationen wie Ratio, Intuition und Illusion spielen dabei eine wichtige Rolle. Dies war in den 1970er Jahren das Credo der Hippie-Bewegung bei ihrer Suche nach anderen Dimensionen, doch es galt auch für maßgebende Künstler und Wissenschaftler wie die ‘Querdenker’ Jean Paul Sartre, Ettore Sottsass und Steven Jobs. Damit traten diese Freigeister in die Fußstapfen der Schamanen, die bewusstseinserweiternde Mittel für ihre transzendenten Reisen in höhere Dimensionen und Paralleluniversen nutzten. Sehr passend in diesem Zusammenhang ist auch das Statement auf der Neonspirale ‘Window or Wall Sign’ (1967) des US-amerikanischen Künstlers Bruce Naumann: ‘The True Artist Helps the World by Revealing Mystic Truths’.“

Ikonische Einrichtungsdesigns

Schon früher ließ Mentjens bei der Gestaltung von Smartshop-Einrichtungen seiner Kreativität freien Lauf. Berühmt sind die ikonischen Sirius-Smartshops in Maastricht, Roermond und Eindhoven, die alle Bezug auf die städtische Vergangenheit nehmen. Ersterer wirkt wie eine Alchemistenwerkstatt, der zweite ist eine Referenz an die spirituelle Funktion von Kirchen und Kapellen, während die Eindhovener Filiale die Holografie zitiert, als Hommage an die früher in der Stadt ansässige Beleuchtungsindustrie.

In diesem neuen „House of Smart“ dreht sich alles um gehirnartige Netzwerkstrukturen, teilweise als Auslagenregal dienend. An den dünnen Holzbalken (65 mm) hängen Proben wie Früchte am „Baum der Erkenntnis“. Für die Präsentation diebstahlgefährdeter Produkte können noch Glasvitrinen in die Konstruktion eingesetzt werden. Auch die zwei rechtwinklig zueinander angeordneten Verkaufstheken dienen zur Warenausstellung. Durch ihre monumentalen Abmessungen und den zugleich zurückhaltenden Grauton teilen sie den Raum ein, ohne aufdringlich zu wirken. Selbiges gilt für die Beleuchtung in Form minimalistischer LED-Leisten, die wie von selbst in den alles umfassenden Strukturen aufgeht.

Bauspuren als Verortung

Für den Umbau wurde das aus dem frühen 20. Jahrhundert stammende Gebäude bis auf das Skelett komplett entkernt. Auch die weiße Wandfarbe, die die charakteristische Fassade verschandelte, wurde entfernt. Die Einteilung der Fenster durch Holzleisten verschwand ebenfalls. Die frühere Ladentür wich einem höheren Modell, das besser zu den großen Schaufenstern passt. Im Innenraum wurden nach der Entkernung schließlich nur die losen Teile beseitigt. „Das grobe Mauerwerk mit Spuren von Umbauten und Durchbrüchen aus früheren Zeiten haben wir ganz bewusst nicht verdeckt. Irgendwo steckt in einer Wand sogar noch ein alter Tresor...“ Die Geschichte des Gebäudes lässt sich jetzt an den Wänden ablesen, was Mentjens sehr wichtig war: „Das ideale Mittel, um einen neuen Entwurf in Raum und Zeit zu verorten.“

Maurice Mentjens
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